Weshalb künstliche Intelligenzen trenden

«Der richtige KI-Hype steht erst noch bevor»

ChatGPT hat unser Verhältnis zu künstlicher Intelligenz (KI) auf den Kopf gestellt. KI, eine Heilsbringerin? Auch, aber nicht nur, sagt bbv-Experte Michael Maurer. Was KMU brauchen, um erfolgreich KI-Projekte umzusetzen und was KI für die Softwareentwicklung bedeutet, erklärt er im Interview.

29.03.2023Text: tnt-graphics0 Kommentare
KI ChatGPT
Adobe Stock/Marco Martins

Seit das US-amerikanische Unternehmen OpenAI letztes Jahr die beiden KI-Tools ChatGPT und Dall-E für alle verfügbar gemacht hat, ist künstliche Intelligenz in der Öffentlichkeit angekommen: Die Medien berichten intensiv darüber, jeder will die Tools ausprobieren.

Allein bei ChatGPT haben sich innerhalb weniger Tage über eine Million Menschen registriert. Neben Dall-E sind es vor allem die beiden populären Bilder-Generatoren Midjourney und Stable Diffusion, die momentan rege genutzt werden.

 

Michael Maurer, was steckt hinter dem KI-Hype?

Michael Maurer: Die neusten KI-Anwendungen sind sehr leistungsfähig und einfach zu bedienen. Da ist es verständlich, dass das Interesse daran auch ausserhalb der Tech-Bubble gross ist. Ich beschäftige mich seit Längerem mit künstlicher Intelligenz und habe mit früheren Tools wie GPT-3 und Stable Diffusion gearbeitet. Auch diese waren leistungsstark, doch was ChatGPT kann, hat selbst mich überrascht.

Ist ChatGPT ein Quantensprung für die künstliche Intelligenz?

Nein, aber eine gelungene Weiterentwicklung von GPT-3. Erst durch das breite Interesse der Öffentlichkeit an der Technologie entstand der Run auf ChatGPT. Inzwischen hat mit «Bard» auch Google einen ChatGPT-Konkurrenten veröffentlicht. Andere grosse Techplayer wie Microsoft und Meta dürften an ähnlichen Lösungen arbeiten.

 

«In einigen Jahren werden wir uns wundern, wie ‹dumm› Word, PowerPoint und Co. im Jahr 2023 noch waren.»

Michael Maurer, Senior Consultant und Solution Architect bei bbv.

 

Welche Auswirkungen werden solche KI-Anwendungen auf Wirtschaft und Industrie haben?

KI-Tools werden heute schon in viele Systeme integriert und werden künftig beinahe überall vorzufinden sein. Sie kommen überall dort zum Einsatz, wo Inhalte wie Text, Bilder und Videos erstellt werden. Microsoft hat zudem angekündigt, KI-Lösungen dereinst auch in seine Suchmaschine Bing oder in die Office-Programme integrieren zu wollen. In einigen Jahren werden wir uns wundern, wie «dumm» Word und PowerPoint 2023 noch waren. Gleichzeitig werden aber auch die bestehenden, professionellen KI-Konzepte weiterentwickelt und vermehrt zur Anwendung kommen – etwa Large Scale Models, neuronale Netze oder Generative Deep Learning Models. Es werden ganz neue Anwendungsgebiete gefunden und Geschäftsmodelle entstehen.

Neben den textbasierten Tools von Open AI sind es vor allem KI-Anwendungen für die Bildgenerierung, die einen Hype erleben. Welche Veränderungen werden Bild-Tools wie Dall-E, Midjourney oder Stable Diffusion für Unternehmen bringen?

KI-Bildgeneratoren dürften Stock-Bilddatenbanken bald Konkurrenz machen. Dank KI können Symbolbilder für Websites oder Blogs nach Belieben und auf Knopfdruck erstellt werden. Interessant finde ich übrigens auch das Tool Vall-E von Microsoft, das mit Neural Codec Language Modeling Stimmen generiert und überall dort zum Einsatz kommen könnte, wo aus Text Sprache werden soll.

Einsatzmöglichkeiten von ChatGPT

Wir haben ChatGPT gefragt, welche Geschäftsmodelle es für die Verwendung von ChatGPT gibt. Hier die Antwort der KI:

«Es gibt mehrere Geschäftsmodelle, die für die Verwendung von ChatGPT in Betracht gezogen werden können. Einige Beispiele sind:

  1. Automatisierte Inhaltserstellung: ChatGPT kann verwendet werden, um automatisch Inhalte wie Blog-Beiträge, Produktbeschreibungen, Nachrichtenartikel und mehr zu erstellen. Dies kann für Unternehmen nützlich sein, die viel Inhalte produzieren müssen, um ihre Online-Präsenz aufrechtzuerhalten.
  2. Kundensupport: ChatGPT kann verwendet werden, um automatisierte Chatbots zu erstellen, die Kundenanfragen beantworten und Probleme lösen können. Dies kann die Kosten für den Kundensupport senken und die Kundenzufriedenheit erhöhen.
  3. Sprachgenerierung in Anwendungen: ChatGPT kann in Anwendungen wie Spiele, virtuellen Assistenten, Sprachsteuerung und mehr integriert werden, um natürliche Sprachinteraktionen zu ermöglichen.
  4. Angepasste Werbung: ChatGPT kann verwendet werden, um personalisierte Werbekampagnen zu erstellen, indem es angepasste Nachrichten und Angebote auf der Grundlage von Daten wie dem Verhalten und den Interessen des Benutzers generiert.
  5. Sprachübersetzung: ChatGPT kann verwendet werden, um automatische Sprachübersetzungen zu generieren, die in Echtzeit übersetzen können.

Es gibt noch viele andere Geschäftsmodelle, die mit ChatGPT erstellt werden können, und die Möglichkeiten werden sich sicherlich weiterentwickeln, je mehr Unternehmen und Entwickler anfangen, die Technologie zu nutzen.»

Welchen Nutzen haben KI-Tools für die Softwareentwicklung?

Sie können ein wertvolles Werkzeug beim Programmieren sein. Bereits heute lassen sich mit GitHub Copilot brauchbare Code-Fragmente erstellen und damit Software generieren. Zwar gibt die KI-Anwendung nicht immer optimale Resultate aus. Doch als Entwickler kann ich die Fragmente anpassen, ohne den ganzen Code selbst schreiben zu müssen. Diese Tools werden aber mit der Zeit immer besser, weil sie dazulernen und erkennen, was jemand nutzt und was nicht. So trainieren und verbessern sie sich im laufenden Betrieb.

Lassen sich ähnliche Code-Teile nicht auch aus einschlägigen Online-Quellen zusammensuchen?

Durchaus, aber die Resultate der KI sind in der Regel schneller erstellt und umfassender. Gemäss meinen Erfahrungen können solche Tools Softwareentwickler unterstützen, indem sie Routinearbeiten abnehmen oder einzelne Probleme lösen. Beim sogenannten AI Pair Programming ergänzen sich Mensch und Maschine ideal, so dass die KI die Programmierer effizienter macht.

Die Tech-Branche kämpft gegen den Fachkräftemangel. Hilft KI oder ist sie ein Job-Killer?

Gewiss gibt es Arbeiten, die künftig ganz oder zum Teil von künstlichen Intelligenzen ausgeführt werden. KI wird unseren Arbeitsalltag aber auch bereichern, sie ist ein «Enabler». Heisst: Sie unterstützt uns darin, besser und effizienter zu arbeiten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Schachdisziplin Advanced Chess oder Freistil-Schach. Dabei bringt die Kombination aus Schachcomputer und menschlichem Schachspieler die besten Resultate hervor. Dieses Duo wird weder von Menschen noch von Computern geschlagen.

Wie steht es um die Akzeptanz von KI in der Softwareentwicklung oder in anderen Branchen?

Tauchen neue Technologien auf, gibt es immer Menschen, die zuerst Angst haben. Manche sind auch der Meinung, dass ein Mensch grundsätzlich bessere Arbeit abliefert als eine Maschine. Das dürfte ein Spannungsfeld bleiben. Im Idealfall erledigt KI repetitive Aufgaben, damit wir uns auf Tätigkeiten konzentrieren können, wo es einen Menschen braucht. Das ist heute bei Software, automatisierten Prozessen oder bei der Robotik ja bereits der Fall.

Ein weiteres Spannungsfeld ist das Thema Copyright und Nutzungsrechte. Wem gehören die von der KI generierten Texte und Bilder?

Für die Bilder, die man beispielsweise mit Dall-E erstellt, hat man im Allgemeinen die Verwendungsrechte. Problematisch sind aber nicht die generierten Bilder, sondern die Daten, die benutzt wurden, um die KI zu trainieren. Meistens sind das Texte und Bilder aus dem Internet, deren Urheber nicht eingewilligt haben, dass sie dafür verwendet werden. Das kann auch bei der KI-gestützten Softwareentwicklung problematisch sein.

Weshalb?

Mit dem KI-Tool GitHub Copilot lassen sich zum Beispiel Code-Fragmente erstellen, die man in die eigene Software einsetzen kann. Die Modelle von Copilot könnten aber mit Daten trainiert worden sein, für die die Rechte nicht öffentlich sind – insbesondere, wenn die Produkte danach kommerziell verwendet werden. Das wird in den nächsten Jahren viel Diskussionsstoff geben, und es könnten Rechtsfälle entstehen, für welche aktuelle Urheberrechtsgesetze noch keine Lösung haben.

Dall-E Softwareentwicklung
So stellt sich Dall-E den Softwareentwickler der Zukunft vor.

Gibt es weitere Risiken bei der Verwendung von KI-Tools?

Künstliche Intelligenzen generieren zum Teil Inhalte, die rassistisch, sexistisch oder unethisch sind. Das liegt wiederum an den Daten, mit denen die KI trainiert wurde. Wenn diese Daten tendenziös sind, haben auch die Modelle einen Bias. Sind beispielsweise HR-Daten von männlichen, weissen Personen geprägt, werden es auch die generierten Inhalte sein. So könnten nicht-weisse Menschen bei der KI-gestützten Personalrekrutierung diskriminiert werden.

Was kann man dagegen tun?

An dieser Frage forscht die Wissenschaft bereits heute aktiv. Ein Ansatz ist, dass ein solcher Bias ebenfalls mithilfe von KI erkannt wird. Mit künstlichen resp. synthetischen Daten wird dieser Bias in der Folge nivelliert.

KI kommt je länger, umso mehr auch in KMU zum Einsatz. Was brauchen Unternehmen, um ein KI-Projekt erfolgreich umzusetzen?

Wenn ein Unternehmen grosse Datenbestände in guter Qualität hat, ist das eine gute Ausgangslage. Auch besteht die Möglichkeit, Daten extern zu beziehen. Für die Aufbereitung der KI-Modelle werden vorzugsweise modernste Cloud-Technologien verwendet. Insbesondere bei KMU treffen wir aber vermehrt die Situation an, dass keine ausreichenden Datenbestände vorhanden sind. Aber auch solche Unternehmen können KI-Lösungen nutzen. Es gibt zum Beispiel kostenlose und frei verfügbare KI-Modelle, die zur Sprach- oder Bilderkennung genutzt werden können. Darüber hinaus bieten Tech-Riesen wie Microsoft oder Google fixfertige KI-Services und API an, die in eigene Softwarelösungen integriert werden können.

Welchen Herausforderungen sehen sich Unternehmen gegenüber, die bei ihren Projekten auf künstliche Intelligenzen setzen?

Sie müssen einen Anwendungsfall oder ein Geschäftsmodell finden, das einen konkreten Mehrwert bietet. Es braucht etwas Mut, die KI produktiv einzusetzen und gegen interne Widerstände zu verteidigen. Und die gibt es noch oft! Auch die fehlenden Fachkräfte stellen oft eine Herausforderung dar.

Sind für die KI-Nutzung überhaupt Fachkräfte nötig?

KI-Tools wie ChatGPT können alle nutzen. Genau das bringt auch neue Möglichkeiten und Geschäftsmodelle. Wie mit anderen aufkommenden Technologien findet eine Demokratisierung statt: Am Anfang sind es bloss die Spezialisten, die Zugang zu einer neuen Technologie haben und in der Lage sind, damit umzugehen. Später können sie dann alle verwenden.

Wird der Hype um solche einfachen KI-Tools wieder abnehmen?

Im Gegenteil. Insbesondere die Integration solcher Anwendungen in andere Systeme wird weiter zur Verbreitung beitragen. Für Dall-E und GPT-3 gibt es bereits entsprechende API, bald soll auch die Integration von ChatGPT möglich sein. Gelangen KI-Anwendungen auf vielgenutzte Plattformen und Geräte, werden wir einen weiteren Run auf KI erleben. Zudem: ChatGPT ist zwar überraschend leistungsfähig, doch es gibt Gerüchte, dass ChatGPT, das eigentlich mit GPT Version 3.5 arbeitet, nur etwa 10 Prozent der Leistung hat, die dereinst die Version GPT-4 haben wird. Die Version 4 könnte nochmals in einer ganz anderen Liga spielen und tatsächlich ein Quantensprung bedeuten. Zudem gehe ich davon aus, dass neben OpenAI auch andere Tech-Giganten den Weg an die Öffentlichkeit mit ihren Lösungen suchen. Der richtige KI-Hype steht uns erst noch bevor.

Der Experte

Michael Maurer

Michael Maurer ist Senior Consultant und Solution Architect bei bbv im Bereich Finanzdienstleister & Transport. Seine Schwerpunkte liegen in der digitalen Transformation, im Innovationsmanagement sowie in der Konzeption von (Cloud-)Softwarelösungen. Durch seine langjährige Erfahrung im KMU-Umfeld versteht er deren Herausforderungen und kann zielgerichtete Lösungs- und Umsetzungsmöglichkeiten aufzeigen. Er ist der Überzeugung, dass die Digitalisierung eine grosse Chance für alle Unternehmen bietet.

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